Dienstag, 2. Oktober 2018


Die verdorrten Landschaften

Nun haben wir morgen wieder einen Feiertag, den kaum jemand so recht feiern mag, weil es außer einem freien Tag eher wenig zu feiern gibt. 28 Jahre ist es dann schon her mit dieser Einheit, die immer noch keine ist. Und es ist nicht „nur” das Problem mit dem zunehmenden (oder besser wieder medial präsenteren) Rechtsextremismus im Osten – das gibt es nämlich im Westen ebenso –, sondern dass es nach wie vor größtenteils die Trennung zwischen Ost und West in nahezu sämtlichen Bereichen gibt. Nicht nur bei den Generationen, die die Zeiten vor der Wiedervereinigung erlebt hat, selbst bei den Nachgeborenen. Und auch wenn die „Seiten” örtlich gewechselt wurden, bleibt meist zumindest gefühlt ein Rest von Fremdheit, egal um wie viele Jahre es sich handelt bzw. gleichgültig, ob diese Zeit „drüben” den weitaus größeren Teil des Gelebten ausmacht – gleichgültig ob man nun von West nach Ost oder Ost nach West ging. Letzteres war jedoch weitaus häufiger. So wie auch ich als im Osten Aufgewachsene nunmehr nun den größten Teil meines bisherigen Lebens im Westen verbracht habe. Inzwischen spielt dies von Außen her gesehen zwar eigentlich keine Rolle mehr. Die Zeiten sind zumindest im Westen vorbei, dass man sich blöde Sprüche anhören muss, wenn man seine Herkunft mitteilt. Das ist inzwischen egal. Genauso egal, wie es der Osten für den Westen immer war und noch ist. Im Osten sah das mal anders aus. Der Westen war für viele das „Gelobte Land”. Nach „Wir sind das Volk” hieß es damals bald „Wir sind ein Volk”. Statt „blühender Landschaften” gab es nach der Wiedervereinigung erst einmal neben der lange ersehnten Freiheit massive Arbeitslosigkeit. Diese Freiheit beinhaltete zwar beispielsweise Reisefreiheit und auch (weitaus mehr oder sehr viel mehr) Meinungsfreiheit, aber auch die mehr oder weniger bewusste Erkenntnis, dass diese Freiheit nicht reicht, um wirklich frei zu sein. Fatal ist, wenn dann oft auf so reaktionäre Weise reagiert wird. Und das über diese ganzen 28 Jahre. Es ist aber trotzdem nicht nur „der” Osten, der sich einer Einheit verweigert. Diese gewisse Ignoranz westlicherseits gibt es nach wie vor. Und ich mein jetzt nicht, was auf politischer Ebene abläuft, sondern rein menschlich. Oder um sich noch mal diesen Zeitraum zu verdeutlichen, wie lange die Wiedervereinigung her ist: 28 Jahre. Nach 1945 wäre dies das Jahr 1973. Das kann und will ich nicht gleichsetzen (vom Kontext her ganz abgesehen), aber zu dieser Zeit (1973) gab es sicher keine große Mehrheit, die sich so rückwärts gewandt hat. Nun ja – für eine Einheit, rein national gesehen (was für mich Nonsens ist, da jegliche Nationen nur Machtprodukte sind) ist Deutschland weit davon entfernt, eine zu sein. Und als sehr junger Nationalstaat kämen zudem auch noch die Kontroversen zwischen Nord und Süd hinzu. Bayern vs. Preußen. O.K., wünschenswert wäre einfach, dass man jeden erst einmal als Mensch anerkennt. Als Menschen mit seiner eigenen Sichtweise. (Muss man nicht akzeptieren und muss man nicht tolerieren, aber anhören und kann dann diskutieren.)

- 2018.10.02, 21:04
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8 Responses to Die verdorrten Landschaften

  1. wvs sagt:

    Ein wesentliches Merkmal für die anhaltende mentale Trennung zwischen Ost & West ist die verschiedene Sozialisation:
    Weil ‚früher‘ jeweils die andere Seite „Feind“ war, und das über 40 Jahre, ist in den Köpfen eine mehr oder weniger ausgeprägte Barriere vorhanden. Deswegen – und weil ich in den Jahren ’91/’92 in der Nähe von Neustadt/Orla unterrichtet habe, dadurch erste-Hand-Eindrücke gewann, war meine Befürchtung es werde mehr als meine verbleibende Lebenszeit dauern bis diese Trennung überwunden sein würde. Dazu kam die verheerende Einflußnahme der sogenannten „Treuhand“, der Name eine Perversion dessen, was diese Behörde angerichtet hat.

    Nach meiner Beobachtung sind zu allererst die flexibelsten Menschen nach Westen umgezogen und haben sich dort etabliert, danach folgte eine zweite Welle, mit der die noch Zögernden nach Westen folgten. Sie hatten wohl die Hoffnung verloren, dass es nach nur ein paar Jahren zum Besseren stehen werde. Die dritte Welle waren schließlich Jene, die den alten Staat nur als Kinder erlebt hatten und nun den Berufsangeboten nach Westen folgten.

    Was ich heute als Belastung empfinde ist nicht die Bandbreite der politischen Extreme, sondern eher die Unehrlichkeit bei manchen ehemaligen DDR-Bürgern die ich seit der Vereinigung erlebt habe: Niemand von all denen die ich bisher traf (in meiner Altersgruppe, so um die 60-80) will am System mitgearbeitet haben, dafür verantwortlich sein das es so lange existierte und schon vor allem gibt es offenbar niemanden, der früher an der Grenze in Polizei oder Armee tätig war …. oder jemanden kennt, der dort eingesetzt war.
    Das ist es, was mich vor allem deswegen ärgert, weil ich oft stundenlang an der Grenze festgehalten wurde und der Schikane von solchen Amtsträgern ausgesetzt war. Sie liefen an den Grenzübergängen in Scharen herum – wo sind sie nur Alle geblieben?

  2. die wiedervereinigung ist längst normalität. ich arbeite mit vielen ostdeutschen zusammen und spüre kaum ressentiments, also nicht mehr oder weniger als zwischen anderen regionen deutschlands.

  3. Ich finde die Analyse von wvs sehr gut. Das Gefühl „anders zu sein“ beschränkt sich nicht auf die Menschen, die im Osten sozialisiert wurden. Aus meiner Sicht gab es im Westen schon immer große „Minderheiten“, die sich „anders“ fühlten, so dass die angebliche Einheit des Westens auf mich zum erheblichen Teil durch Politiker und Medien konstruiert wirkt.

    • C. Araxe sagt:

      Dieses „Anderssein” im Westen ist aus meiner Sicht wiederum etwas grundsätzlich vollkommen anderes, wenn es um das Gefühl „Ost” vs. ”West” geht. (Dieses Anderssein gibt und gab es im Osten zudem auch noch.)

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