Freitag, 17. Juni 2022


Italiens Tor zum Orient

So wird Bari, zweitgrößte Stadt Süditaliens und Apuliens Hauptstadt, auch genannt. Für mein Empfinden wirkte Palermo zwar viel orientalischer auf mich, aber gleichwohl sind beide Städte von vielen verschiedenen Kulturen geprägt worden. 

Früh. Sehr, sehr früh startete ich meine Reise nach Bari mitten in der Nacht, um dann dort mittags mit etwas Verspätung einzutreffen. Etwas abseits von touristischen Pfaden, aber trotzdem zentral hatte ich meine Unterkunft im Zimmer eines Kunststudenten. Kaum war ich gelandet, fragte mein Mitbewohner schon nach, ob es bei meiner Ankunftszeit bleiben würde. Dank bester Vorbereitung klappte alles und ich wurde herzlich in Empfang genommen. Mein Quartier war auch recht einfach zu finden, weil sich unmittelbar daneben eine russisch-orthodoxe Kirche mit Zwiebeltürmen befindet. Für die beiden weiteren Mitbewohnerinnen mit Pfoten hatte ich ein Begrüßungsgeschenk und mein Zimmer war fortan Hauptaufenthaltsort der beiden Katzenladys. 

Und schon ging es bei hochsommerlichen Temperaturen wieder los Richtung Altstadt (Città Vecchia), die mich am meisten interessierte. Der Weg führt durch die Neustadt (Murat) mit ihren protzigen Prachtbauten, so dass man hiervon auch schon einiges in Augenschein nehmen konnte. Von außen auf der alten Stadtmauer mit Blick aufs Meer flanierend, umkreiste ich zunächst das reizende Gassengewirr der Altstadt, um dann vollkommen hierin einzutauchen und mich ziellos treiben zu lassen. Automatisch gelangte ich auch schon zu allen Hauptsehenswürdigkeiten wie die Basilica San Nicola, die Cattedrale di San Sabino oder die Strada delle Orecchiette (die berühmte Nudelstraße) und vielen anderen.

Beide romanischen Kirchen wirken sehr archaisch und ihre Krypten beherbergen die geklauten Gebeine von St. Nikolaus (Ja, genau der Nikolaus – sämtliche Gaben am 6. 12. stammen definitiv von lieben Menschen, denn er ist tot! Und St. Nikolaus ist auch der Hauptheilige der russisch-orthodoxen Kirche, weswegen trotz Krieg viele Russen vor Ort sind und das Manna – der Schweiß der Gebeine oder so gemischt mit Weihwasser – als Devotionalien verkauft wird) bzw. die gefakte Mumie von Santa Columba sowie diverse andere Reliquien. Neben der Kühle der Krypten lassen einen die dortigen detaillierten Säulen verweilen, die alle komplett anders gestaltet sind.

Zwischendurch musste eine Stärkung her, die über ein Eis hinausging. Eigentlich hatte ich eine Liste an regional typischen Gerichten, die ich unbedingt probieren wollte, aber dann zwinkerten mir im Vorbeigehen Fritto misto di mare zu. Anschließend durchstreifte ich erneut die engen Gassen, die zum Abend hin immer lebhafter wurden. Tagsüber wurde meist nur emsig das Pflaster gefeudelt, das verschiedene Farben hat. Helle Kalksteine kennzeichneten den Weg in die Altstadt und dunkle Tuffsteine den Weg hinaus und zu den Kirchen. Trotz aller italienischer Lebensfreude ging es dann aber recht früh ins Bett, da ich nach über 18 Stunden auf den Beinen reichlich müde war und außerdem den nächsten Vormittag schon etwas vorhatte. Dies wäre der einzige Abend gewesen, an dem ich noch halbwegs für mich interessante Örtlichkeiten hätte aufsuchen können, aber das Bett war doch verlockender. Insgesamt hätte ich ja gedacht, dass in einer Stadt mit so vielen Studenten mehr spannende Locations vorhanden sind. Eine ehemalige Kaserne, die sich in meiner Nachbarschaft befand, in der nun ein alternatives Kulturzentrum ist, hat aber z. B. auch nur sehr vereinzelte Veranstaltungen und natürlich nicht während meines Aufenthaltes. Aufmerksam wurde ich auf diese, weil es der einzige Ort in Bari war, wo etwas mehr (oder vielmehr überhaupt) Graffiti vorhanden waren und einige alte Flyer in der Umgebung plakatiert waren. Mit Streetart hat es Bari leider nicht so. Schon recht seltsam bei so vielen jungen Leuten.

Nachdem die Moka einige Male am folgenden Morgen konsultiert wurde und dem Mitbewohner berichtet wurde, wo man schon war und was man noch vorhatte (ein fast tägliches Ritual, bei dem ich oft viele Tipps bekam), ging es los zum Friedhof. Vollkommen unverständlich kommt dieser in keinem Reiseführer vor. Und ich hätte echt nicht erwartet, dass ich so beeindruckt sein würde, da ich ja auch schon eine Menge an prachtvollen Friedhöfen gesehen habe. Es ist nicht nur die überbordende Schönheit der vielen monumentalen Mausoleen und Gruften, sondern vor allem die unendliche Vielfalt an Grabgestaltungen, die ihresgleichen sucht. Neben klassischer Schönheit, finden sich abstrakte moderne Formen. Mehrstöckige Häuser mit Kellergeschossen beherbergen ganze Kleinstädte an Toten mit Wänden voller Grabplatten. Und überall die Fotos der Verstorbenen – einige weit über 100 Jahre alt. Katzen gibt es hier wie üblich auch jede Menge, für die gut gesorgt wird. Sonntags ging es hier recht lebhaft zu. Die Gräber wurden gewienert, aber auch Familienstreitigkeiten und Telefongespräche wurden lautstark geführt oder mit der Vespa quer durch gebrettert, so dass ich mir nicht allzu pietätlos vorkam, diesen Ort an einem Sonntag aufzusuchen. Anschließend stand der Besuch des öffentlichen Strands Pane e pomodore auf dem Programm, wo natürlich an einem Sonntag das pralle Leben tobte. Nichtsdestotrotz fand ich eine halbwegs ruhige und sogar schattige Ecke. Nun ja, ganz so ruhig war es dann doch nicht, weil eine italienische Großfamilie in der Nähe weilte und dann dort auch noch eine Gruppe an schwarzen Strandverkäufern pausierte, die alle unbedingt ein Gespräch mit mir führen wollten. Musikalisch fühlte ich mich von Modern Talking verfolgt und nun kann ich auch auf Suaheli grüßen (Jambo, Jambo!). Aber das Beste war natürlich, mich endlich ins Meer zu stürzen, das auch dort von betörender Klarheit war. Dem Abend chillte ich dann mit einem Negroni in der Altstadt entgegen, bis dann wieder die Restaurants öffneten und ich zwei der von mir favorisierten lokalen Spezialitäten genoss: Fave e cicoria (Bohnenpüree und  Zichorie) und Braciole di cavallo alla barese (gefüllte Pferdefleischrouladen in Tomatensugo geschmort). Kulinarisch mehr als befriedigt kugelte ich nach Hause, wo mich auch wieder die Fellmonster in meinem Zimmer empfingen.

Am nächsten Tag hatte ich eine Reise nach Polignane a Mare geplant, die ich auf Anraten meines Mitbewohners mit einem Ausflug nach Monopoli erweiterte. Zunächst wollte ich aber am Vormittag die baresischen Märkte checken, von denen ich aber leider recht enttäuscht war – da bin ich von anderen Reisen schon recht verwöhnt.

Polignane a Mare hat wohl die bekannteste Bucht Apuliens, die zwischen hohen Felsen eingebettet ein sehr imposantes Panorama bietet. Zunächst schaute ich mir aber die sehr idyllische Altstadt an, in der neben viel Kunsthandwerk auch viel Leckeres zum Essen angeboten wurde, so dass ich spontan erst einmal ein Oktopus-Panino genoss. Der Held dieser Stadt ist Domenico Modugno mit seinem Lied „Nel blu di pinto di blu”, besser bekannt als „Volare”, dessen Textzeilen nächtens die Altstadt illuminieren und natürlich zahlreiche Touristen andauernd irgendwo intonieren (immerhin mal nicht Modern Talking!). Aus der Ferne war der Strand zwischen den Felsen noch sehr reizvoll, aber vor Ort waren die Kiesel, die alles andere als klein waren, doch eine recht große Herausforderung – am Strand als auch im Wasser. Das Wasser selbst war aber auch hier wieder göttlich in seiner kristallinen Klarheit. Aber so sprach nichts dagegen, sich hier nur recht kurz aufzuhalten und weiter nach Monopoli zu reisen. Und das hat sich vollkommen gelohnt, weil die Altstadt dort wirklich sehr beeindrucken konnte, obwohl ich mich schon etwas müde gelaufen hatte. Die dortigen kleinen Stadtstrände, von denen ich mir eine erneute Vereinigung mit dem Meer erhofft hatte, waren aber durch massive Seetangablagerungen nicht nutzbar. Dennoch bietet Monopoli so viel Schönes, dass ich diesen Abstecher absolut nicht missen möchte. Interessant finde ich auch, dass es an der Küste von Apulien kaum Möwen gibt, dafür überall Tauben. In all den Klippen am Meer – Tauben. (Und in Rom ist alles voller Möwen.)

Die Rückfahrt war dann etwas komplizierter, weil es bei der Bahn Probleme gab und ich war sehr froh, dann endlich wieder in meiner Unterkunft angelangt zu sein. 

Am folgenden Tag stand ein Einkauf für ein selbst zubereitetes Mahl auf dem Programm und ein entspannter Aufenthalt bei einem Bezahlstrand – dem Lido San Francesco. Der kleine Fischmarkt bot dann doch mehr als ich erwartet hätte. Und so gab es dann ein spontanes Frühstück mit rohen Austern, Seeigeln und Muscheln sowie ein paar Tintenfischchen, die eigentlich auch roh zum Verzehr gedacht waren, aber dann nebst frischen Orecchiette von der Pastastrasse am Abend von mir daheim zubereitet wurden. Aber nun war erst einmal Strand mit allem Komfort angesagt. Unter der Woche war es dort recht entspannend und es gab fast nur das türkise, glasklare Meer – mich daneben chillend oder darin. 

In der Nacht machte sich dann aber doch bemerkbar, dass ich meinen Füßen etwas zu viel zugemutet hatte. Bei durchschnittlich 25 km am Tag zu Fuß und bei der Hitze gab es dann doch Blasen, die sich entzündet hatten. Am nächsten Tag hatte ich eine geführte Tour gebucht, auf die ich ungern verzichtet hätte. Aber ich hatte ja noch Knoblauch da! Eine Zehe zwischen den Zehen und am nächsten Morgen war die Entzündung weg.

Nachdem mich mein Tourführer eingesammelt hatte, stellte ich fest, dass die Reisegruppe außer mir nur noch aus einer amerikanischen Familie bestand. Und auf ging’s zum ersten Ziel Matera, das UNESCO-Weltkulturerbe ist. Eine Stadt in und auf Felsen gebaut und bereits seit der Jungsteinzeit besiedelt. Die Höhlenwohnungen – Sassi genannt – wurden meist in den Fels gehauen, aber auch natürliche Höhlen wurden genutzt. In einer von diesen befindet sich ein als – ähm – Museum bezeichneter Ort. Eine sehr krude Mischung von allem Erdenklichen wird hier ausgestellt. Sehr Skurriles mischt sich mit den Fossilien an den Wänden auf engstem Raum. Der „Museumsdirektor” bezeichnete sich selbst als letzten Lateiner und da unser Führer Vito ihn kannte, kostete der Eintritt nur 2 Euro. Vito kannte so einige Ladenbesitzer, die er gezielt ansteuerte und uns ermunterte, dort etwas zu kaufen. Nur in einem Trüffelladen mit ganz und gar nicht touristischen Preisen öffnete sich mein Portemonnaie. Zum Glück waren ja die Amis noch dabei, die im wohl hässlichsten Souvenirladen Geld daließen. Nichtsdestotrotz wusste Vito viel Spannendes zu erzählen und wies sehr oft auf interessante Details in Matera hin. Nach der Führung gab es noch eine kurze Freizeit, bei der ich mir neben ein paar Aussichten auf die verschachtelte Felsenstadt auch noch die eine oder andere der dort recht zahlreichen Dali-Skulpturen anschaute sowie bei den sehr heißen Temperaturen (es waren vor 9 Uhr schon 31 °C …) als Mahlzeit ein Eis schleckte.

Für den zweiten Teil des Ausfluges hatte ich den Tourführer allein für mich und schon fing er an ausführlich über Amis zu lästern. Das nächste Ziel war Alberobello, ebenfalls UNESCO-Weltkulturerbe, das für seine Trulli – kegelförmige Steinhütten – bekannt ist, die hier in geballter Form erhalten sind. Ein wirklich sehr außergewöhnlicher Anblick. Natürlich blieb der Besuch einiger Läden nicht aus (und die Amis waren nicht mehr dabei!), aber es gab dort wirklich nichts, was ich nicht nur aus reiner Höflichkeit gekauft hätte. Auf der Rückfahrt fragte Vito dann auch noch nach, was ich noch so vorhätte, er hätte ja jetzt Feierabend … Mein Bedarf an Unterhaltung war jedoch vollkommen gedeckt und nach diesem sehr heißen Tag war ich einfach nur noch platt.

Der nächste Tag war schon der letzte und auch kein ganzer mehr. Eigentlich wollte ich noch früh zum Fischmarkt und dann nur noch weitere Lebensmitteleinkäufe tätigen. Ich wachte zwar auch recht früh auf, aber vornehmlich weil ich Magen-/Darmprobleme hatte. Das ganze rohe Meeresgetier hatte mir ja überhaupt nichts ausgemacht, aber nun war es wohl das Eis und verbrachte fast den ganzen Vormittag im Bett oder auf der Toilette. Nun ja, es war eigentlich auch viel zu heiß, um frisches aus dem Meer mitzunehmen. Als es mir halbwegs besser ging, sammelte ich noch einiges an Gemüse, Aufschnitt sowie Käse zusammen und ansonsten schlenderte ich mit vielen Pausen nochmals zum Abschied durch Bari. Bei der Hitze gab es dann doch wieder das eine oder andere Eis, wogegen mein halbwegs wieder beruhigter Magen zum Glück überhaupt nicht rebellierte. Birne-Ricotta ist beispielsweise eine Eissorte, die ich gern noch mal genießen möchte. 

Tja, und dann ging es wieder zurück ins kalte Hamburg. Um 0.30 Uhr war ich bei Regen wieder RL-Gruselkabinett eingetroffen. Eine sehr schöne, wenn auch viel zu kurze Reise mit vielen schönen Erlebnissen. Dennoch würde ich mich nicht dem Urteil meines Reiseführers Vito anschließen, dass Bari die schönste Stadt der Welt ist (so reden ja auch die Hamburger …) und Apulien die schönste Region der Welt. Ich habe zwar nur relativ wenig gesehen und ich kann Bari sowie Apulien absolut empfehlen, aber mein Herz schlägt in Italien doch etwas heftiger, wenn ich an Neapel und Palermo denke, oder auch Cagliari, und da jeweils an die Umgebung. Das tyrrhenische  Dreieck. Wobei doch meine Lieblinge Napoli und Palermo sind. Aber hach, die Strände von Sardinien … 

Egal  – Bari, Apulien war wirklich sehr schön und ich habe mich riesig gefreut wieder unter südlicher Sonne zu verweilen und das Dolce Vita zu genießen.

Hier gibt es mehr Bilder.

- 2022.06.17, 19:59
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1 Response to Italiens Tor zum Orient

  1. C. Araxe sagt:

    Russisch-orthodoxe Kirche in Bari.

    Haus in der Nachbarschaft.

    Meine beiden Zimmergenossinnen.

    Murat (Neustadt von Bari).

    Ex-Museum, Hafen und Promenade.

    Città Vecchia (Altstadt).

    Streetart und Ex-Kaserne.

    Friedhof.

    Polignane a Mare.

    Monopoli.

    Markt und frisches vom Fischmarkt.

    Meer satt.

    Matera.

     

    Alberobello.



    Proviant.

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