Sonntag, 3. Dezember 2006


Die Ruhe in der Bewegung

Gehen, einfach nur gehen. Wohin ist vollkommen egal. Und auch das Wo ist nicht so sehr von Bedeutung. Es ist zwar sehr schön, am Wasser entlangzugehen, der tosenden Meeresbrandung zuzuhören, einem breiten Strom zu folgen oder auch nur dem Murmeln eines Baches zu lauschen. Ebenso haben Wälder, Felder und Wiesen ihren Reiz. Man kann es auch genießen, durch menschenleere Straßen einer Großstadt zu gehen, wenn Regen und Kälte die Einwohner in die Häuser getrieben hat oder tiefnächtens, wenn die Schritte einsam auf dem Pflaster hallen und einem nur selten eine Nachtgestalt begegnet, die wie eine geisterhafte Erscheinung den Weg kreuzt. All dies ist gleichgültig, denn irgendwann wendet sich der Blick nach innen, nachdem er zuvor alles noch intensiver wahrgenommen hat.
Die Gedanken flattern nicht mehr hektisch in engen Kreisen um Alltäglichkeiten, sondern schwärmen aus in ferne Gefilde. Immer weiter werden die Bahnen und immer langsamer.
Schritt um Schritt, Kilometer um Kilometer kehrt immer mehr Ruhe ein, bis von ihr alles erfüllt ist. Ein Ankommen im tiefsten Innern.

- 2006.12.03, 19:22
92 Kommentare - Kommentar verfassen



92 Responses to Die Ruhe in der Bewegung

  1. pollon sagt:

    Das Gehen hört nie auf, gehen ist mitunter das einzige, was und bleibt, um Ruhe zu finden.

  2. box sagt:

    Oh, das hatte ich heute auch…

  3. darkrond sagt:

    da stimm ich gerne zu. nachts z.b. in weinheim richtung ehemaliger güterbahnhof, und dann die gleise der wormser bahn entlang zum waidsee und einmal drumrum. hach, feinifein. 🙂

  4. gulogulo sagt:

    ankommen im inneren schaff ich daheim auf der couch.

  5. NibblesChris sagt:

    Mir ist es leider nicht vergönnt durch nächtliche Spaziergänge die innere Unruhe hinter mir zu lassen. Das schafft nur die Kunst.

  6. graefin sagt:

    „In der Ruhe liegt die Kraft“ einmal anders interpretiert.
    Momentan ist diese Ruhe aber nur in den Nebenstraßen zu finden oder wirklich im Wald, an der See etc. Ich sage nur: Weihnachtsmarkt!

  7. Paulaline sagt:

    jetzt weiss ich endlich wo der fehler liegt. bei „schritt für schritt“ konnte ich ihnen ja noch folgen.
    aber bei „kilometer für kilometer“ passe ich.

    so werde ich wohl nie innere ruhe erlangen

  8. Ich liebe schnelles Gehen (das ich übrigens schon nicht mehr als Spazieren bezeichnen würde)…aber nur mit Ziel. Ich laufe zum Beispiel (flott) auf Arbeit…45 Minuten täglich…Energie tanken pur.

    • C. Araxe sagt:

      Dass Sie ebenfalls eine manische Zufußgeherin sind, weiß ich ja. *g*

      …aber nur mit Ziel

    • Nein, ich klicke jetzt nicht auf den Link. Oder ich stelle die Lautsprecher vorher aus. :-p

    • C. Araxe sagt:

      :·P 1. Du hast ja ein Ziel vor den Augen,
      damit du in der Welt dich nicht irrst,
      damit du weißt, was du machen sollst,
      damit du einmal besser leben wirst.
      Denn die Welt braucht dich, genau wie du sie,
      die Welt mag ohne dich nicht sein.
      Das Leben ist eine schöne Melodie,
      Kamerad, Kamerad, stimm ein!

      2. Und hast du dich einmal entschlossen,
      dann darfst du nicht mehr rückwärts gehn,
      dann mußt du deinen Genossen
      als Fahne vor dem Herzen stehn.
      Denn sie brauchen dich genau wie du sie,
      du bist Quelle und sie schöpfen aus dir Kraft.
      Darum geh voran und erquicke sie,
      Kamerad, dann wird’s geschafft.

      Refrain:
      Allen die Welt und jedem die Sonne,
      fröhliche Herzen, strahlender Blick.
      Fassen die Hände Hammer und Spaten,
      wir sind Soldaten, kämpfen für’s Glück.

      Hach, was ham wir damals schöne Lieder gelernt …

  9. joss sagt:

    „Man kann es auch genießen, durch menschenleere Straßen einer Großstadt zu gehen“

    Kann ich nur so genießen. Ich mag die vielen Menschen nur dann, wenn sie schlafen. Skurril, dass man Seinesgleichen, wenn man sich begegnet, für Freaks hält. Vielleicht der Trauersaum bürgerlicher Maskerade.

    • C. Araxe sagt:

      Lieber ist mir das meist auch so. Aber es geht auch anders, was ich allerdings nicht immer so aufnehme. Manchmal stören mich die Menschenströme in einer Großstadt überhaupt nicht, d. h. ich kann auch dann ganz für mich sein und ich sein. Und das gerade auch genau durch diese Masse. Das funktioniert allerdings auch nicht immer. Genauso gut könnte man manchmal Sprengsätze verteilen (Hallo BfV – das ist metaphorisch gemeint). Das, was ich als Nachtgestalten bezeichne(te), halte ich aber nicht für Freaks. Hm, aber Freak muss man ja nun auch nicht negativ deuten.

    • joss sagt:

      Zuweisungen wie +/- sind schon für sich kurios, nicht erst seit Facebook. Man sagt ♥ zu etwas/irgendwem und meint sich selbst damit. Freakempfinden ist für mich Grenzempfinden. Persönlich ist der Grenzbegriff für mich positiv besetzt, mich haben schon immer Menschen interessiert, die auf oder an den Grenzen leben. Vielleicht, weil dort das wertende Vergleichen, konkurrenzbestimmte Unterscheiden und Diskriminieren an Bedeutung verliert, insofern Gesellschaft endet, transzendiert wird und man keinen Kitt benötigt, um sie und sich darin zusammenzuhalten.

    • C. Araxe sagt:

      Passend zum Thema, auch wenn sich mit vielem recht einseitig bzw. persönlich zu speziell auseinandergesetzt wird.

    • joss sagt:

      Das Thema hat auch eine lange Leitung. Finde es immer besser, sich zu innervieren, als zu plagiieren oder zu kompilieren.

      Ich kannte mal eine Dozentin, die ersteres mit Benjamin gemacht hat. Lange war sie nicht an der Uni, war dem Fachbereich zu freakisch. Das war vor Jahren! Heute wird mit gesundem Menschenverstand alles ausgemerzt, worüber die BCG den Daumen senkt. Ist vielleicht sogar besser, das nicht mehr miterleben zu müssen. Im Unterschied zu den meisten Freaks habe ich aber leider kein eines Talent, womit ich im Zirkus auftreten könnte. Vielleicht noch als Assistent des Messerwerfers zum aufs Rad binden, aber die nehmen wohl nur attraktive Damen.

    • joss sagt:

      Das ist auch der Grund, warum ich auf meinem Organ- und Körperteile-Spendeausweis eingetragen habe „Geht bittesehr alles separiert und gut verpackt an die Frau Araxe aus dem Gruselkabinett.“ Man hat mir zugesagt, dass alle Sonderwünsche berücksichtigt würden.

    • C. Araxe sagt:

      Hach … so viel Spendenbereitschaft würde ich mir von allen Lesern wünschen.

    • joss sagt:

      Bei einer Leserschaft, die nach solchen Aussagen schon mit dem Finger zum Tape-Deck zuckt, um ein Cocotronic-Mix-Tape auf den Weg zu bringen, wäre ich an deiner Stelle zurückhaltender mit solchen emphatischen Bemerkungen.

    • joss sagt:

      Gebisse z.B. Ich bekam heute ein ganzes Tablett von vorgeführt und fühlte mich wie fünfzehn, als ich erwog eines heimlich mitzunehmen. Da mein Zahnarzt aber der letzte Mensch ist, der mich noch richtig gut leiden kann, hab ich’s lieber seingelassen.

    • C. Araxe sagt:

      Und mal fragen? Also meinen Zahnarzt habe ich schon mal wegen Zähnen zur externen Verwendung gefragt. Er hat dann zwar keine rausgerückt, aber immerhin den Kontakt zum Labor. Und inzwischen habe ich ja auch etwas an Vorrat da.

    • joss sagt:

      Ich frag nie, weil er mir dauernd was umsonst macht. Wenn er also aufgrund meiner liebreizenden Rehaugen nix rausrückt, gibts erst recht nix auf Nachfrage. Was ich total niedlich finde, er fragt mich zu seinen milden Gaben immer, ob ich den Spruch kennen würde „Tu Gutes und sprich darüber“. Ich gurgel dann immer was zurück, weil hab ja den Mund voll mit Besteck.

    • C. Araxe sagt:

      Das hört sich aber vom Nutzen her nicht so brauchbar an, wenn der Zahnarzt was umsonst macht. *g*

    • joss sagt:

      Ich hab ne Freundin aus Sibirien. Die sagt, Zähne läßt sie drüben machen. Gleiche Qualität, kostet aber nur 20% von dem, was es hier kostet. Und im Unterschied zu meiner Hackfresse hat die was zu verlieren. Also, was hier in Deutschland von Zahnärzten berechnet wird, ist sowieso Jenseits von Gut und Böse (vor allem Labor und Material). Meint, der Mann hat so viel Knete, dass ich von einem Monatsgehalt wahrscheinlich fast schon ein Jahr leben könnte. Da kann man dem rehäugigen Hippie schon mal ohne Rücksicht aufs Eingemachte n‘ Pils spendieren.

    • C. Araxe sagt:

      Wird sicher O.K. sein, auch bei meinem Zahnarzt gibt’s manchmal kostenlose Extras. Ich muss nur bei dem Wort „umsonst” immer an die Bedeutung von vergebens denken. Vor allem, weil es da mal einen Party-Flyer gab, auf dem das zum Thema Eintritt drauf stand und es in eben jenem Sinne voll zutraf.

    • joss sagt:

      Das kenn ich aus der Liebe. Erst heißt es, alles frei und für umsonst, und später fehlt dir dann aber die halbe Bibliothek.

    • C. Araxe sagt:

      Ist natürlich auch ’ne Lösung, um Platz für neue Bücher zu schaffen, aber geht trotzdem nicht. Wenn, dann würde ich ja lieber meine rechtmäßig erworbenen oder geschenkten eigenen Exemplare haben wollen. Aber ich muss zugeben, dass ich auch schon mal ein, zwei CDs (so viel Geschmack war dann doch nicht dabei) kopiert habe, als sich abzeichnete, dass die demnächst ausziehen.

    • joss sagt:

      Du willst Geschenke zurück? *g* Ich will immer die Menschen (und okay, damit dann auch die Bücher) zurück. Also nicht unbedingt als das, was sie waren, aber eben als mein kleiner Freakshow-Wanderzirkus. Bin allerdings nicht sehr bewandert darin, so etwas zu kommunizieren.

    • C. Araxe sagt:

      Davon habe ich inzwischen sehr Abstand genommen. Die Bücher u. a. (ja, es gibt mitunter auch nette Erinnerungen) O.K. – aber die Menschen dann höchstens an der Wand oder Kühltruhe oder so oder gar nicht. Trifft natürlich nicht auf alle zu und bei denen, auf die das nicht zutrifft, könnte man sich ja auch jederzeit ein Buch oder mehr ausleihen.

    • joss sagt:

      Du bist auch Familie.

      Das ist wahrscheinlich mein persönliches Paradox, Familie im Außerfamiliären zu suchen und nicht mehr in den 60ern zu leben. Gäbe es nicht noch ein paar Residuen, hätten sie mich wahrscheinlich schon eingesperrt. Und wohlfühlen würde ich mich dabei wahrscheinlich auch noch. Aber na ja, einer meiner Lieblingssätze aus Nadja ist ja: „Wir biegen in die Rue de Seine ein, da Nadja sich weigert, weiter geradeaus zu gehen.“

    • C. Araxe sagt:

      Das Paradoxe bei mir ist, dass sich niemand vorstellen konnte, dass ich eine Mutter bin bzw. sein würde. Inzwischen sieht das anders aus. Aber für mich selbst ist Muttersein nur ein Teilaspekt, ich bieg immer noch gern an der nächsten Ecke ab, wenn mir die Richtung nicht gefällt.

    • joss sagt:

      Vor ein paar Wochen bin ich durch ein paar alte Einträge deines Blogs mäandert, da fand ich einen Eintrag, der davon handelte, wie das kleine Monster euer Abendessen zubereitete. Das hat mich gerührt, denn ich bin in einer Familie mit festen bürgerlich unterkomplexen Rollenzuschreibungen aufgewachsen. Kinder werden dabei nicht erwachsen, sondern haben es irgendwann zu sein. Das dispensiert Konfrontationen im Alltag, hinterlässt aber tief ankernde problematische Dispositionen, die den Menschen ein Leben lang begleiten.

      So einen Satz wie „für mich selbst ist Muttersein nur ein Teilaspekt“ könnte meine Mutter nicht aussprechen, das würde ihr Selbstbild fundamental beschädigen. Darum diskreditiert sie auch moderne Frauenbilder, die sie durch das Aktivieren von prädispositionellen Konflikten verunsichern. Für mich selbst führt das zu einer Situation, dass ich den Spiegel dräuenden Unheils darstelle und mit der einen Hand gehalten, mit der anderen aus Liebe und Zuneigung zerschlagen werden. Daher die Rührung, wenn ich Konstellationen aus reifem Erziehungsverhalten mit fürsorglichem Empfinden zwischen Eltern und Kinder begegne.

    • C. Araxe sagt:

      Derzeit würde das kleine Monster aber doch lieber „Hotel Mama” vorziehen (wobei selbst Kochen noch O.K. ist bzw. sehr gern getätigt wird). Ich hoffe aber mal, dass es das später auf jeden Fall zu schätzen weiß.

    • joss sagt:

      Wie die Mansarde bei meinen Eltern frei wurde, weil meine Schwester auszog, dauerte es keine fünf Minuten bis ich einzog. Sogar ihre Sachen hab ich rausgetragen, obwohl ich zu meiner Schwester eher selten brüderlich war. Hotel Mama war die Hölle, als erstes hab ich dann mal die Wände mit Autolack besprüht.

    • C. Araxe sagt:

      Ob „Hotel Mama” die Hölle ist, hängt aber sehr vom Faulheitsgrad ab.

    • joss sagt:

      Aber auch von Mama. Und überhaupt ist Faulheit ein sehr weitläufiger Begriff. Die Menschen hierzulande sind so kompetetiv eingerichtet, dass mir immer wenn ich höre, jemand sei ein ausgewiesener Faulpelz, ganz warm ums Herz wird.

    • C. Araxe sagt:

      Im Gruselkabinett würden Faulpelze einen warmen Hintern bekommen. Allgemein mag man da oder dort das Recht auf Faulsein berechtigt einklagen, aber bei Hausarbeit hört’s da bei mir auf.

    • joss sagt:

      Sag ich doch, du verwendest den Begriff nur als sanktionsbewehrten Ersatz für „Interessenkonflikt“. Ich habe mir bei meinen Eltern das Recht auf ein unaufgeräumtes Zimmer erstreikt. Mein Hinterteil habe ich vor dem Warmwerden-Können auf der von innen abgeschlossenen Toilette abgesessen. Wer rein wollte, hatte dann stets auch ein Problem.

    • C. Araxe sagt:

      „Interessenkonflikte” die mich in meiner eigenen Faulheit nicht tangieren sind mir egal. Ein unaufgeräumtes Kinderzimmer hat da nicht so die Priorität, aber sobald es da um Sachen geht, die dann bei mir hängen bleiben, sieht’s eben anders aus. Und das ist natürlich nicht (nur) auf das kleine Monster bezogen. Früher, also sehr viel früher, habe ich mir nie Gedanken um Emanzipation gemacht – für mich war es nur einfach legitim verteilte Gerechtigkeit. Inzwischen habe ich zumindest eine Ahnung davon, dass das eben nicht so selbstverständlich ist.

    • joss sagt:

      „Ein unaufgeräumtes Kinderzimmer hat da nicht so die Priorität, aber sobald es da um Sachen geht, die dann bei mir hängen bleiben, sieht’s eben anders aus.“

      Immer wenn ich so simpel vernünftiges aus Elternmund höre, erschrickt mich das System des bürgerlichen Wahngebildes, welches auch meine Eltern mit Erziehung verwechselten, umso mehr. Wenn Kinder gebraucht werden, um in sie gesetzte Hoffnungen zu enttäuschen, können alle daran Beteiligten nur verlieren.

Kommentar verfassen