Nach dem Spätdienst freue ich mich immer besonders, wenn die S-Bahn gleich kommt – die Fellmonster als auch ich verlangen dringend nach dem Abendessen. An der Anzeigetafel stand, dass die S-Bahn in einer Minute kommen würde. Ich eilte an zwei Betrunkenen vorbei ans hintere Ende des Bahnsteigs, um beim Aussteigen gleich beim Ausgang zu sein. Dort angekommen drehte ich mich um, als es bei den beiden Betrunkenen laut wurde. Einer von ihnen kletterte ins Gleisbett, nestelte an seiner Hose und fing an gegen den Bahnsteig zu pinkeln. Um zu ihm oder gar noch weiter zur Notrufsäule zu laufen, blieb keine Zeit.
Und so brüllte ich zu ihm rüber, dass er da fix rauskommen soll. Er antwortet: „Sorry, ich konnte nicht mehr länger einhalten, bin aber gleich fertig.” Mein Blick wanderte in Zehntelsekunden zwischen ihm und dem Tunnel. Die Anzeige stimmte wohl mal wieder nicht so ganz und noch war keine Bahn in Sicht. Ganz gemächlich kletterte der Typ wieder auf den Bahnsteig, kurz bevor die Bahn kam.
Keiner der anderen Wartenden reagierte derweil überhaupt irgendwie. Das alles geschah auch innerhalb von sehr kurzer Zeit. Mag sein, dass viele in so einer Situation zunächst in einer Schockstarre waren. Ich hoffe nicht, dass es Gleichgültigkeit war.
Als alles gut gegangen ist und die Bahn einfuhr als wenn nichts gewesen wäre, hatte ich dann aber auch kein Bedürfnis, den Vorfall zu melden, war einfach nur froh, dass nichts passiert ist und wollte nur nach Hause. (Eine sofortige Mitteilung in der Bahn hätte einen Polizeieinsatz bedeutet und eine Verzögerung von mindestens einer halben Stunde.)
Wenn die Bahn eher gekommen wäre, hätte ich wild mit den Armen gewedelt. Von meiner Position aus hätte es wahrscheinlich geklappt, wenn der Fahrer sofort reagiert hätte. Dem kleinen Monster habe ich den Vorfall natürlich auch erzählt. Seine Info hierzu ist, dass man zum Halten eines Zuges das Sh3-Signal nutzen sollte – kreisende Armbewegung entgegen dem Uhrzeigersinn (eine rotweiße Signalfahne hat sicher keiner zur Hand, um dieses Signal vollkommen korrekt umzusetzen). Ich weiß nicht, ob ich mir das merke und ich bin mir auch nicht sicher, ob das trotz Schulung des Personals hilfreicher ist.
Bei dem Pinkler kann ich indessen wohl recht sicher nachvollziehen, was sein Gedankengang war. Eigentlich wollte er sich rücksichtsvoll verhalten: nicht auf den Bahnsteig pinkeln und alles diskret handhaben …
2026.03.05, 20:20 -
C. Araxe
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