
Gestern musste ich schweren Herzens Mortimer einschläfern lassen.
In den letzten Tagen hatte er einen schweren Atem (dabei jedoch kein Hecheln durchs Maul und keine blauen Schleimhäute), wirkte ansonsten aber recht fit, hatte Appetit und verhielt sich ganz normal.
Am Montag war ich beim Tierarzt mit Morpheus und fragte gleich nach, ob ich den nächsten Tag mit Mortimer vorbeikommen sollte. So richtig beurteilen konnte der Tierarzt es natürlich nicht, meinte aber, dass es auch von der Hitze kommen könnte, wenn er ansonsten symptomfrei ist. Den Stress mit dem Tierarztbesuch wollte ich ihm in seinem Alter möglichst ersparen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist und so verblieben wir bei genauer Beobachtung.
Am Mittwochnachmittag bemerkte ich bei ihm dann Wassereinlagerungen in den Vorderpfoten. Nach kurzem Googeln war mir sofort klar, dass das sehr ernste Symptome sind und fuhr mit ihm zur nächsten Tierklinik (der Tierarzt hatte soundso geschlossen und wahrscheinlich kein Sauerstoffzelt).
Mortimers Verhalten war ansonsten aber immer noch normal. Er begrüßte mich, als ich heimkam, fraß mit Appetit, sprang dann zu mir hoch und legte sich schnurrend neben mich, als ich mich hinsetzte. Zu dem Zeitpunkt hat er auch nicht gehechelt oder blaue Schleimhäute gehabt. Während der Hinfahrt verschlechterte sich sein Zustand jedoch massiv. Er hatte zunehmend Atemnot und zwei Panikattacken deswegen.
In der Tierklinik wussten sie Bescheid und er kam sofort in ein Sauerstoffzelt. Beim Gespräch mit der Ärztin wurden ihm keine großen Chancen eingeräumt und eine sofortige Einschläferung vorgeschlagen, auch wenn es ihm im Sauerstoffzelt gleich schon wesentlich besser ging. Die Ärztin war ganz erstaunt, als ich ihr von seinem Zustand zuvor erzählte und wir beschlossen ihm noch eine Stunde zur abschließenden Beurteilung zu geben.
In der Zeit wurden ihm bei einer Pleurapunktion 200 ml aus dem Brustkorb abgesogen und er war vergleichsweise wieder sehr fit, so dass die Ärztin, die nicht damit gerechnet hätte, meinte, dass er eine Chance verdient hätte und er über Nacht dort im Sauerstoffzelt bleiben sowie die Wirkung der Medikamente beobachtet werden sollten, um am nächsten Tag zu schauen, wie es ihm dann geht und was weiterführende Untersuchungen ergeben. Also wie schwer seine mutmaßlichen Herzerkrankungen sind, die gegebenenfalls behandelbar wären, aber auch im besten Fall seine Lebenserwartung massiv einschränken würden.
Ich war hin und her gerissen, aber die Euphorie der Ärztin (sie machte mir auch noch einige Videos von Mortimers aktuellem Zustand – der Kuschler schmiegte sich an ihre Hand und wirkte auch wieder recht aktiv) bewogen mich dann auch zu der Entscheidung, ihm eine Chance zu geben.
Gestern wartete ich jede Sekunde auf den Anruf der Tierklinik. Leider konnte sein Zustand nicht stabilisiert werden und es gab wieder Flüssigkeitsansammlungen, die schwere Atmung setzte trotz Sauerstoffzufuhr erneut ein.
Der Anruf kam kurz vor meinem Arbeitsende und ich fragte, ob ich noch Zeit hätte, von ihm persönlich Abschied zu nehmen, wenn ich gleich kommen würde, ohne dass er leiden muss. Das sollte dann möglich sein.
Vor Ort ging es dann leider doch nicht bzw. wäre es für ihn absoluter Stress gewesen, ihn von der Intensivstation aus dem Sauerstoffzelt zu mir zu bringen, womöglich wäre er auf dem Weg zu mir schon gestorben. Das wollte ich ihm ersparen, auch wenn ich ihn noch so gern auf seiner Reise über den Regenbogen begleitet hätte und stimmte weinend zu, dass er den letzten Weg ohne mich geht.
Das kleine Monster reiste den langen Weg zum Ort der Tierklinik und wir fuhren gemeinsam mit dem toten Mortimer zum RL-Gruselkabinett. Es war sehr gut, dass wir gemeinsam in dieser schwere Zeit waren.
Der Termin bei dem Bestatter wurde organisiert, wohin ihn das kleine Monster gestern Vormittag brachte, weil ich arbeiten musste (ich hätte aber wohl auch frei bekommen – meine Chefin war sehr mitfühlend in der Situation). Und ich habe Mortimer sein Totenbett bereitet.
Das kleine Monster und ich nahmen daheim am Abend Abschied, beide tieftraurig, mit Gesprächen über Mortimer und Anschauen von Fotos über dieses geliebte Fellmonster.
Mortimer kam 2013 zu uns. Damals war er vier Jahre alt (vielleicht auch älter) und hatte wohl schon sehr viel Schlimmes erlebt. Der damalige Haushalt, in dem er nur sehr kurz lebte, war jedenfalls nicht sehr katzenfreundlich.
Anfangs war er sehr ängstlich und aggressiv gegenüber meinem allerersten Fellmonster Maldoror, der sich sehr um ihn bemühte. Über die Jahre entwickelte er sich zum absoluten Kuschelkater und war dann gegenüber Morpheus sehr aufgeschlossen.
Er hatte sehr spezielle Vorlieben. Ganz wild war er auf Spargelschalen. Kaum fing ich an Spargel zu schälen, war er da und wollte Spargelschalen haben. Gurke war für ihn auch ein absoluter Leckerbissen. Kaum hatte ich mir ein paar Häppchen mit Gurke gemacht, lauerte er darauf, dass er eine Scheibe oder mehr abbekam. Er wusste aber auch ganz genau, dass er erst davon oder anderem Essen von mir etwas abbekam, wenn ich es erlaubte. So verteidigte er mein Essen auch gegenüber Morpheus und passte auf, dass dieser nichts stibitzte (Morpheus hatte in seinem ersten Jahr vor mir nie ein „Nein” kennengelernt). Eine Scheibe Gurke wurde ihm dann auch auf Vorschlag vom kleinen Monster zu seiner Bestattung beigegeben.
Im Laufe der Jahre zeigten sich bei ihm einige Erkrankungen, die teils nur mit sehr viel Mühe und ärztlichen Odysseen bewältigt wurden. Richtig schlimm war das Feline Hyperästhesie-Syndrom mit täglichen Blutorgien bei selbstverletzendem Verhalten. Aber auch das haben wir sehr gut in den Griff bekommen. Letztendlich ohne Medikamente.
Als es dann losging mit seiner Schilddrüsenüberfunktion, ging es ihm richtig schlecht, aber als endlich die Diagnose feststand, wirkten die Medikamente sehr gut (echt krass, dass die Medikamente für die Dosis für 100 Tage mit 1:1 gleichem Wirkstoff und Dosierung für Menschen bei ca. 20 Euro liegen und bei Katzen bei ca. 100 Euro – aber O.K., weil es wirklich geholfen hat). Aber ich bereue keinen Cent, den ich für sein Wohlbefinden ausgegeben habe.
Von einem Kater, der anfänglich sehr ängstlich und auch aggressiv gegenüber anderen Katzen war, entwickelte er sich zu einem Kuschelmonster mir gegenüber und sehr sozial zu Artgenossen. Unsere Kommunikation wirkte fast so, als würde er mich oder wir uns wortwörtlich verstehen.
All unsere täglichen Rituale vermisse ich sehr. Wir hatten 13 wundervolle Jahre gemeinsam. Meine Trauer, meine Tränen – er wird in ewiger Erinnerung sein.

R.I.P. Mortimer
*2009 †2026